Frage der Woche, 8. Oktober 2012

Benötigen wir eine umfassende Nachhaltigkeitskennzeichnung oder besser einzelne Siegel (z.B. Bio-Siegel, Regionalkennzeichnung, Gentechnikfrei-Kennzeichnung)?

Fazit: In der Debatte gab es kaum zwei Äußerungen, die die gleiche Meinung vertraten, Konsens bestand nur darin, dass wenn Siegel genutzt werden sollen, diese vom Staat definiert, kontrolliert und damit garantiert werden müssten und nicht von der Industrie.

Zusammenfassung: Die meisten Beiträge befürworteten die Verwendung von Siegeln unter der Maßgabe, dass diese von unabhängigen Stellen geschaffen und diese auch die Einhaltung der Kriterien überprüft. Einige wenige sind der Meinung, dass Siegel nicht unterstützenswert sind, weil entweder die Macht der KonsumentInnen bezweifelt wird oder weil neutrale Broschüren und Internetportale bevorzugt werden, da diese differenzierter informieren könnten. Eine dritte Position bevorzugt den direkten Kontakt zu den Produzierenden ohne Siegel abzulehnen.

Auch bei der Frage, ob die Verwendung eines oder mehrerer Siegel ersterbenswert sei, gehen die Meinungen auseinander. Befürworter der „Ein-Siegel-Politik“ beziehen sich auf die Übersichtlichkeit und/oder die Idee einer binären Logik von guten/schlechten Produkten. Befürworter mehrerer Siegel bezweifeln die Möglichkeit alle u. U. wichtigen Indikatoren in einem Index zu vereinigen, da diese sich möglicherweise widersprächen und weisen auf die soziale Dimension hin, die da wäre: Weniger kaufkräftigerer KonsumentInnen wären unter Umständen nicht in der Lage das mit dem Siegel „In-allen-Aspekten-Unterstützenswert“ versehene Produkt zu bezahlen und müssten deshalb durch die Verwendung mehrer Siegel in die Lage versetzt werden, bei Kaufentscheidungen Prioritäten auf den einen oder andere Faktor zu setzen. Alle Kommentierenden verbindet ein Misstrauen in die existierenden Siegel. Zu erfassende Indikatoren waren: „Bio“, Herkunft/Regionalität, CO²-Bilanz, Artenschutz/Monokulturen/Größe des Landwirtschaftlichen Betriebes, Nachhaltigkeit, Tierschutz, Giftgehalt. Aus der Vielzahl der Indikatoren und der teilweisen Unschärfe der Begriffe ergab sich die Kritik am Konzept der „Ein-Siegel-Politik“.

“Die Politik mit dem Einkaufswagen kann in der Summe große Wirkung auf Handel und Produzenten entfalten.” So steht´s im Agrarteil des PLAN B. Doch wie weiss man/frau im Supermarkt, was eine sozial-ökologisch vertretbare Verkaufsentscheidung wäre. Ist regional die erste Wahl oder doch lieber “Bio” aus Ägypten? Was ist mit anderen Logos und Siegeln? Helfen oder verwirren sie mehr? Bräuchte es nicht vielleicht eine umfassende Nachhaltigkeitskennzeichnung? Doch wer legt die fest und wie könnte die aussehen? Diskutiert mit!

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12 Kommentare

  1. Die Politik mit dem Einkaufswagen kann in der... von Thomas Reuter am 08-10-2012

    Thomas Reuter sagt:

    Die Politik mit dem Einkaufswagen kann in der Summe große Wirkung auf Handel und Produzenten entfalten.” So steht´s im Agrarteil des PLAN B. Doch wie weiss man/frau im Supermarkt, was eine sozial-ökologisch vertretbare Verkaufsentscheidung wäre. Ist regional die erste Wahl oder doch lieber “Bio” aus Ägypten? Was ist mit anderen Logos und Siegeln? Helfen oder verwirren sie mehr? Bräuchte es nicht vielleicht eine umfassende Nachhaltigkeitskennzeichnung? Doch wer legt die fest und wie könnte die aussehen?

    Meiner Meinung nach hat der STAAT Kontrollinstrumente zu schaffen bzw. zu erhalten, die festgelegte Standarts und Produktqualitäten zu überwachen haben. Es kann für alle Produkte einer Gruppe (z.Bsp. Lebensmittel) nur EIN staatlich festgelegtes LABEL geben. Instrumente wie von bestimmten Produktionsvereinigungen geschaffene LABEL müssen regelmässig bei wirtschaftlichen Problemen versagen und haben ja schon oft genug versagt. Aktuell gibt es da gerade einen Skandal zum mangelnden Tierschutz in Tierproduktionsanlagen mit “Biolabeln”. Solche Labels sind seit Jahren AUCH ein Mittel zur Verbrauchertäuschung. Produkte umzudeklarieren, um einen höheren Preis zu erzielen ist Markenbetrug. Kontrollen innerhalb der Labelgruppe vorher anzukündigen usw. ist Markenbetrug. Erleichtert wird solcher Markenbetrug durch die immer grösser werdende Uninformiertheit (Unwissen) der Verbraucher zu bestimmten Produkten. Das hat etwas mit der (Schul-) Bildung zu tun. Insgesamt steckt hierhinter das Problem des MARKEN-Produktes. Darüber gibt es anderswo viel zu lesen. Marken sind Bestandteil der Kapitalistischen Werbung. Das es ehrliche Markenqualität (für Normal- und Geringverdiener) zunehmend nicht mehr gibt, ist eine Folge des zunehmenden Kostendruckes in allen Produktionsbereichen. Ein Markt für Qualitativ hochwertige Waren muss eben auch Staatlich gelenkt und KONTROLLIERT werden. Da der Staat aber immer mehr verschlankt wird, kann er einen zunehmend internationalen zum beispiel Agrarmarkt eben kaum noch kontrollieren. Wer soll die Unmengen an Futtermitteln AUS ALLERE WELT darauf kontrollieren, ob sie deutschen BIO-Normen enztsprechen. Ein Tierarzt am geflügelschlachthof wird vom schlachthof selbst bezahlt und hat dessen Parameter bei der Kontrolle von Schlachtkörperqualität und Tierschutznormen bei der Schlachtung zu erfüllen. Auch das ist in den letzten Jahren zum beispiel für “Wiesenhof” filmisch dokumentiertz. MEHR STAAT!

    • Bevor wir bei den LINKEN zu dem Thema PEAK OEL... von Joachim Schulz / Mitglied DIE LINKE am 11-10-2012

  2. Ich habe den Eindruck, das ich mich oben nicht... von Thomas Reuter am 08-10-2012

    Thomas Reuter sagt:

    Ich habe den Eindruck, das ich mich oben nicht verständlich genug ausgedrückt habe, daher: Jeweils EIN zuverlässig kontrolliertes staatliches Siegel würde nicht nur reichen , sondern ist übersichtlicher als die Unzahl von Labeln die es jetzt gibt. Es müsste eindeutige, staatlich festgelegte Parameter für diese Label geben.

  3. Bio und Regional zusammen ist immer die Beste... von Wolfgang am 08-10-2012

    Wolfgang sagt:

    Bio und Regional zusammen ist immer die Beste Entscheidung.Da hilft auch einfach Nachfragen woher kommt denn das Produkt. Es braucht keine tausend Labels wenn ich meinen Bauern, Produzenten kenne und weiß wie er “Tickt” dann weis ich auch das ich gute Qualität bekomme.Wenn ich merke das mein Produzent ein “Überzeugungstäter” ist und ihm gute Lebensmittel wichtig sind, braucht es keine Labels und Kontrollen.
    Also sollten wir die Regionen und kleinbäuerlichen Strukturen erhalten und stärken.
    Staatliche Labels oder Kontrollen führen doch mehr zu einem Überwachungsstaat und das will doch keiner oder?
    Solidarische Landwirtschaft oder Gemeinwohl Ökonomie sind nach meiner Meinung die richtigen Wege. Auf die Frage ob öko Siegel Verwirren oder Helfen will ich jetzt keine Werbung machen aber bei Lebensmittel gibt es ein Siegel dem ich 100 % vertraue weil eine Grundlegende Philosophie dahinter steht.
    Auch einem Siegel für Fair gehandelten Produkten Vertraue ich noch, ansonsten sag ich mir naja immerhin besser als kein Siegel.
    Zum Thema Nachhaltigkeit stellt sich die Frage wie will man das bewerten? Was ist Nachhaltig? Bestimmt nicht das was uns schon so oft als Nachhaltig verkauft wurde.
    Es müsste also eine für alle verständliche grundlegende Definition für eine ehrliche Nachhaltigkeit geben. Nur dann ist ein Siegel sicher auch sinnvoll.

  4. Entscheidend ist der Wunsch des Verbrauchers bzw.... von Bernd Brix am 08-10-2012

    Bernd Brix sagt:

    Entscheidend ist der Wunsch des Verbrauchers bzw. des Kunden. Der Verbraucher möchte echte Bioware erkennen, legt besonderen Wert auf Regionalität und auf Gentechnikfreiheit. Echte Bioware schließt Gentechnikfreiheit ein, also könnte man dieses verbinden, aber kann man es wirklich so verallgemeinern?

    Der Verbraucher sollte aufgeklärt werden. Ich finde es absort, wenn der Discounter Entenleberpastete anbietet mit 15% Entenleber und 25% Schweineleber, über dei restlichen 60% werden keine Aussagen getroffen. Das sollte ich mal bei meinen Honigsorten tun – da gibt es hohe Strafen, wenn nicht über 50% von der ausgezeichneten Blüte drin sind.
    MfG Bernd Brix.

  5. Ja, aber wir brauchen staatliche Ausschüsse, die... von Helmut Käss am 08-10-2012

    Helmut Käss sagt:

    Ja, aber wir brauchen staatliche Ausschüsse, die über die Label der Verkaufsgüter bestimmen. Das Label muss zum Beispiel das Herkunftsgebiet relativ genau kennzeichnen, zB Land der Bundesrepublik, und etwas über Nachhaltigkeit und Giftgehalt aussagen.

  6. Alle Nachhaltigkeitskriterien in ein Label zu... von Alexander Hissting am 09-10-2012

    Alexander Hissting sagt:

    Alle Nachhaltigkeitskriterien in ein Label zu packen ist verlockend, funktioniert aber nicht! Wer legt fest, welche Aspekte einfliessen und welche draussen bleiben? Oft gibt es einen Widerspruch zwischen verschiedenen Kriterien. Die Förderung von tiergerechten Laufställen bei Milchvieh führt unweigerlich zum Rückgang kleinbäuerlicher Milchviehhaltung. Was ist in dem Fall wichtiger? Die sozialen Aspekte oder der Tierschutz? Ein 50 Hektar großes Getreidefeld läßt sich eindeutig ressourcenschonender bewirtschaften als 50 Äcker mit je einem Hektar Größe. Aber was bedeutet das große Feld für die Veränderung einer Kulturlandschaft? Was passiert, wenn Hecken und Feldraine verschwinden für Insekten, kleine Säugetiere und Vögel? Ist nun die CO2 Bilanz wichtiger als der Artenschutz oder umgekehrt? Die pfluglose Bodenbearbeitung spart Diesel, schont das Bodenleben und mindert die Erosionsgefahr. Auf der anderen Seite trägt das System massiv zur Verbreitung von gentechnisch veränderten herbizidresistenten Pflanzen bei, weil die Unkrautkontrolle bei der pfluglosen Bodenbearbeitung schwieriger ist als bei der Arbeit mit Pflug.

    Mit dem Bio-Siegel haben wir ein Label, das schon sehr viele Nachhaltigkeitsaspekte umfasst und das ein hohes Ansehen bei den Verbrauchern geniesst. Aber auch hier gibt es Lücken und Widersprüche. Ein neues nachhaltigkeitslabel würde möglicherweise andere Aspekte abdecken, wäre aber ebenfalls systembedingt nicht umfassend. Sinnvoller wäre es das Bio-Siegel weiter zu entwickeln, aber auch hier nicht mit dem Anspruch umfassend zu sein.

    Neben einem Bio-Siegel, das viele Aspekte abdeckt haben andere Zeichen, die auf einzelnen Nachhaltigkeitskriterien Kriterien beruhen absolut ihren Sinn. Sie können es schaffen, Verbraucher und Unternehmen in kleinen Schritten zu einer nachhaltigeren Produktion und Konsum zu bewegen. Aus meiner Erfahrung sind sie keine Konkurrenz für noch nachhaltigere Produkte, sondern führen Verbraucher in die richtige Richtung, weg von Produkten, die überhaupt keinen Wert auf Nachhaltigkeit legen. Wir können auch nicht ignorieren, dass der Preis bei der Kaufentscheidung leider ein wichtige Rolle spielt. Auch aus diesem Grund macht es Sinn Produkte anzubieten, die nicht eine ganze Bandbreite von Aspekten thematisieren und damit unweigerlich teurer sind, sondern einzelne Themen rausgreifen.

    Mein Plädoyer: Schrittweise Weiterentwicklung des Bio-Siegels und Sensibilisierung von Verbrauchern durch Zeichen, die einzelne Nachhaltigkeitskriterien oder ein kleines Set davon erfüllen. Beides natürlich mit der nötigen Transparenz und wirksamen Kontrollen.

  7. In Diskussionen höre ich immer wieder die... von Fee Zanke am 09-10-2012

    Fee Zanke sagt:

    In Diskussionen höre ich immer wieder die Äußerung “Ich kaufe kein Bio, da vertrau ich nicht, ist doch eh kein bio drin” und dann denke ich immer bei mir, natürlich ist da das drin, was die EG vorschreibt, nur haben die wenigsten Leute eine Vorstellung welche Richtlinien diese umfasst. Der Durchschnittskunde assoziiert mit BIO grüne Wiesen und Gesundheit.
    Daher komme ich manchmal zu dem Schluss: Was nützen Siegel, wenn der Kunde sich nicht selbst informiert, außer zur Rechtfertigung höherer Verkaufspreise?
    Trotzdem scheinen LABEL ein erster Schritt die Menschen an die Themen heranzuführen. Ich kann mir schon verschiedene Markierungen zu Gentechnik ja/nein, Bio, Nachhaltigkeit oder ähnliches vorstellen, aber nicht von privaten AGs oder Institutionen geprüft und erstellt, sondern wie einige es hier auch vorgeschlagen haben, als staatliches Siegel mit verschiedenen Ausführung. In der Praxis also vielleciht ein erkennbarer Rahmen in dem dann jeweils ein anderes Zeichen steht, das symbolisisert: der Staat kontrolliert und das jeweilige Zeichen sagt aus, welche Gesetze bzw. Richtlinien das Produkt einhält.
    Leider löst das immernoch nicht das Problem, dass viele Verbraucher sich nicht die Zeit nehmen, selber nachzulesen was dann die jeweilige Richtlinie induziert, aber immerhin hätte er die Möglichkeit dazu übersichtlich und transparent zugriff auf jene nehmen zu können…

  8. Signets etc. sind irreführend. Besser sind... von Jörg Reiners am 11-10-2012

    Jörg Reiners sagt:

    Signets etc. sind irreführend. Besser sind neutrale Aufklärungsbroschüren bzw. Internetportale. Wer sich ein Produkt kaufen möchte, sollte unter Suche den Produktnamen eingeben und zu entsprechenden Informationen, die stets aktualisiert werden, zugreifen können.

  9. Ich glaube nicht, dass “eine Politik mit... von Stefan Karstens am 11-10-2012

    Stefan Karstens sagt:

    Ich glaube nicht, dass “eine Politik mit dem Einkaufswagen” funktionieren kann, unabhängig vom Kontrollregime. Die Masse der Konsumentinnen und Konsumenten wird sich aus purer existenzieller Notwendigkeit schlicht am niedrigsten Preis orientieren müssen. Wer sich die zunehmenden Umsatzzahlen der Discounter und die damit verbundene Industrialisierung auch von regionaler, biologisch verträglicher Produktion anschaut, muss erkennen, dass die vermeintliche “Macht der Verbraucher” zahnlos ist. Viel grundsätzlichere Veränderungen von Distribution und Konsumtion sind erforderlich, um die genannten Ziele zu erreichen.

  10. @ Stefan Karsten Lebensmitteleinkauf ist immer... von Wolfgang am 15-10-2012

    Wolfgang sagt:

    @ Stefan Karsten Lebensmitteleinkauf ist immer eine politische Entscheidung die immer Funtioniert und im Vergleich zu den Länder des Südens geben wir nur einen Bruchteil unseres Einkommens für Lebensmittel aus.
    Damit will ich aber nicht abstreiten das es auch bei uns Menschen gibt die sich z.B.keine Bio-Lebensmittel kaufen können. Das schwierige an der Sache ist eine fest Überzeugung, die konsequente Umsetzung und das Durchhalten für die Masse der Verbraucher.
    Wenn beim nächsten Lebensmittelskandal wieder Millionen von Verbrauchern pötzlich Bio und regional einkaufen,langfristig dabei bleiben würden, bekämmen wir eine grundlegende Änderung.
    Was glauben Sie warum Discounter auch Fair Trade und Bio im Angebot haben und sich als Nachhaltiges Unternehmen prässentieren,doch nur weil immer mehr Verbraucher Wert auf solche Kriterien legen.
    Das nenne ich Politik mit dem Einkaufswagen die funkioniert.

  11. Eine bessere Kennzeichnung ist wünschenswert,... von Falk Neuner am 20-10-2012

    Falk Neuner sagt:

    Eine bessere Kennzeichnung ist wünschenswert, damit der gesamte ökologische un soziale Abdruck sichtbar wird.
    Aber das allein reicht nicht, es löst vielleicht auch gar nicht das Problem, weil die Rechnung nicht für alle aufgeht. Es muss darum gehen, die regionalen Kreisläufe wieder zu aktivieren und möglichst autark zu betreiben. Durch Direktvermarktung müssen die Handelsmargen in Arbeitsplätze umgewandelt werden. Dann muss man den Markt entkräften. Hersteller brauchen gesicherte Abnahmen. Und nicht jede Gemüseart kann immer verfügbar sein. Man sollte sich diesbzgl. auch nochmal die Planwirtschaft der DDR anschauen, die im Wesentlichen ohne Importe ausgekommen ist.
    Dann spielt der psychologische Aspekt ein große Rolle, Motivation durch Mitmachen an einem gemeinsamen Projekt und Erfreuen an gesunder Kreisläufen.